VINCENTZ BERLIN – Immer einen Schritt voraus!

Versorgungsreport 2013/2014 - Schwerpunkt Depression

30.06.2014 12:36 Uhr  

Themen: Gesundheit   Gesundheitspolitik   Krankenhaus   Versorgungsmanagement   Pflege   Sozialpolitik  

Klauber, Jürgen; Günster, Christian; Gerste, Bettina; Robra, Bernt-Peter; Schmacke, Norbert Hrsg.): Versorgungs-Report 2013/2014: Schwerpunkt: Depression - Mit Online-Zugang zum Internet-Portal: www.versorgungs-report-online.de ,Stuttgart: Schattauer 2014; 348 Seiten, 54,99 Euro; ISBN 978-3-7945-2929-2

350 Millionen Menschen leiden an Depressionen, jährlich bringen sich eine Million Menschen um. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht deshalb eine Pandemie kommen und spätestens seit dem Freitod des Nationaltorhüters Robert Enke gibt es auch in Deutschland ein öffentliches Verständnis für das Gefahrenpotenzial dieser Krankheit.

Es ist deshalb so naheliegend wie verdienstvoll, dass der aktuelle Versorgungsreport dieses zu seinem Schwerpunktthema macht. Er bietet dabei auf der Grundlage der verfügbaren Literatur und der Analyse der Routinedaten  von 24 Millionen AOK Versicherten einen validen Überblick auf  den Status quo der Versorgung psychischer Kranker in Deutschland und beschreibt Defizite wie Handlungsoptionen für die Verbesserung der Versorgung. Ernüchternd ist die Erkenntnis, dass die leitlinienkonforme Arzneimittelbehandlung von depressiven Störungen noch nicht erreicht ist. Auch wenn die Autoren sich von der pauschalen Annahme distanzieren, dass es bei den Hausärzten strukturelle Defizite bei der Versorgung von Depressionskranken gibt, indirekt machen die Autoren doch Defizite bei den Hausärzten verantwortlich, die 64 Prozent der Depressionskranken ausschließlich versorgen und sogar 37,8 Prozent der schweren Fälle. Dies zeigt sich im Plädoyer für Stepped Care, einer krankheitsangemessenen, schrittweisen Intensivierung der Behandlung, wie in der Skepsis, durch die Fortbildung von Hausärzten die Versorgung nachhaltig zu verbessern. Sie plädieren stattdessen für eine intelligente Kombination von Selbsthilfe, Schulungsansätzen und Case-Management (S. 91f).

Die Datenanalyse  aus dem Jahr 2010 – also bereits nach Einführung des Morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs (M-RSA) - ist aber auch relevant vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen über Anpassungen dieses Umverteilungsinstruments von Versichertengeldern. So wird man für die Folgejahre beobachten können, ob und wie sich der hohe Anteil von unspezifischen (64,9%) und leichten Fällen (5,3%) verändert, wenn das System gelernt hat, dass es nur für schwerere Fälle zusätzliche Mittel aus dem Gesundheitsfonds gibt. Nicht überraschend (es gibt in Deutschland keine verbindlichen Kodierrichtlinien für die niedergelassenen Ärzte), aber für die Diskussion über die Anreizwirkungen des M-RSA höchst relevant ist die Erkenntnis, dass die niedergelassenen Ärzte Kodierungen zum Teil anders einsetzen als dies die Leitlinien fordern. Die "zu vermutenden Einschränkungen der Diagnosevalidität" (S. 51) führt die Autoren Bettina Gerste vom Wissenschaftlichen Institut der AOK und Christiane Roick vom AOK-Bundesverband zu der Forderung, bei künftigen Studien ausdrücklich zu prüfen, ob auch Überdiagnosen vorkommen (S. 52). Defizite in der leitliniengerechten Diagnosestellung und Klassifizierung hat ebenfalls das Pilotprojekt des Gemeinsamen Bundesausschusses zur Verbesserung der Versorgungsorientierung bei Depressionen zu Tage gefördert (S. 69). 

Die bestehenden Defizite bei Diagnosestellung und Klassifizierung haben nicht nur Auswirkungen auf die Debatte über Upcoding und Rightcoding im RSA, sondern auch auf die Versorgungspraxis. So zeigt die Analyse der Pharmakotherapie bei Depressionen einen hohen Anteil von Schlafmittelverordnungen (S. 117f). Eine Bewertung ist aufgrund der fehlenden Differenzierung nach Schweregraden aber kaum möglich.

 Neben dem Schwerpunktthema widmet sich der Versorgungsreport Fragen von Diagnosehäufigkeit, Komorbiditäten und der Arzneimitteltherapie weiterer Volkskrankheiten: Bei Diabetes mellitus Typ 2 zeigt die Auswertung von Routinedaten noch immer ein Ost-West-Gefälle und die höchste Prävalenz im Alter von 80 bis 84 Jahren. Auch hier weisen die Autoren darauf hin, dass die Prävalenz für Folgeerkrankungen "aufgrund unterschiedlicher Erfassungsmethoden"  (S. 153) die Analyse erschwere.

Keine qualitative Verbesserung der Versorgung durch mehr Operationen: Das ist das Ergebnis der Analyse der Daten von Patienten mit Rückenschmerzen. Die durch Vergütungsstrukturen induzierte Nachfrage wird als einer von mehreren Gründen als Ursache genannt. Außerdem wird die Polypragmasie ausdrücklich als "massives Problem" bewertet. (S. 180).

„Gerade die älteren Menschen erhalten offenbar deutlich mehr Arzneimittel als angezeigt wäre". Das Zitat stammt nicht aus dem aktuellen Versorgungsreport, sondern aus dem Arzneiverordnungsreport aus dem Jahr 1987 (S. 472). Es ist in Armutszeugnis für das deutsche Gesundheitswesen, dass Petra A. Thürmann und Gisbert W. Selke bei der Analyse der Arzneimittelversorgung älterer Patienten jetzt zu dem ernüchternden Ergebnis kommen, dass "die Reduktion der Polypharmakotherapie bzw. die sichere Überwachung der Multimedikation eine Aufgabe (ist), für die bislang Erfolgsrezepte und Evidenz fehlen" (S. 204).

Die Forderung nach flächendeckenden Case-Management-Programmen im hausärztlichen Sektor steht am Ende der Analyse von Routinedaten zur Herzinsuffizienz. Die Autoren ziehen mit dieser Forderung die Schlussfolgerung aus den Defiziten der bestehenden Diseasemanagementprogrammen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die sich nach Meinung der Autoren kaum von der Regelversorgung unterscheiden und "offensichtlich verbesserungsbedürftig" sind (S. 227f).

Aus den relevanten regionalen Unterschiede in der Herzkathederversorgung in Deutschland leiten die Autoren dieser Analyse die Forderung nach regionalen Kapazitätsplanungen ab, um einer Über- und Unterversorgung entgegenzuwirken (S. 253).

Abgerundet wird der aktuelle Versorgungsreport von 50 Seiten Daten und Analysen zur Diagnosehäufigkeit und Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen, die auf den Daten der über 24 Millionen AOK-Versicherten aus dem Jahr 2010 beruhen. Man kann hier der Auffassung der Herausgeber zustimmen, dass dies umfänglicher ist als die Primärerhebungen, die der Mikrozensus oder der Bundesgesundheits-Survey zur Verfügung stellen

Autor: Dr. Andreas Meusch


Dateianhänge

Keine Dateianhänge vorhanden

« Zurück zur Artikel-Übersicht



Vincentz Apps

Topaktuelle News zur aktuellen Gesundheitspolitik und -wirtschaft in einer praktischen App.

iPool ist Ihre mobile Nachrichtenagentur und liefert Nachrichten, Hintergründe sowie Kommentare zur Gesundheitspolitik und Gesundheitswirtschaft - aufbereitet für mobiles Lesen. Mehr erfahren »

Apple App-Store Grafik Google Play-Store Grafik


Netzwerke

Bleiben Sie mit uns in Kontakt …