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Krankenhausreport 2014

04.08.2014 13:55 Uhr  

Themen: Gesundheitspolitik   Krankenhaus   Versorgungsmanagement   Wirtschaft  

Klauber, Jürgen; Geraedts, Max; Friedrich, Jörg; Wasem, Jürgen (Hrsg.):Krankenhaus-Report 2014: Schwerpunkt: Patientensicherheit - Mit Online-Zugang zum Internetportal: www.krankenhaus-report-online.de, Stuttgart: Schattauer 2014; 504 Seiten, 54,99 Euro; ISBN 978-3-7945-2972-8

190.000 Behandlungsfehler, davon zehn Prozent tödlich, fünfmal so viele Tode durch Behandlungsfehler in Deutschland als durch Verkehrsunfälle. Diese Zahlen sind dem gut acht Seiten langen ersten Beitrags „Das Krankenhaus als Risikofaktor“ des aktuellen Krankenhausreports entnommen, der vom Leiter des Instituts für Gesundheitssystemforschung an der Universität Witten/Herdecke und Mitherausgeber des Reports Max Geraedts verfasst wurde. Sie haben es geschafft, das Thema Krankenhaus für einige Tage in der Publikumspresse in Deutschland in die Schlagzeilen zu bringen. Diese Rezension will hier nicht den Meinungsstreit zu diesem Artikel in den Vordergrund rücken, sondern verweist hier auf die allgemein zugängliche Berichterstattung[1]. Auf zwei Aspekte soll aber hingewiesen werden:

Es lassen sich praktisch keine Auswirkungen dieser kurzen, aufgeregten Debatte auf die aktuelle Diskussion über die Reform der Krankenhausfinanzierung erkennen. In der Bund-Länder-Arbeitsgruppe geht es um Macht- und Verteilungsfragen, in denen das Qualitätsargument instrumentalisiert wird. Es bleibt Skepsis angebracht, ob über diese Machtfragen Qualität wirklich verbessert werden kann. Es zeigt einmal mehr, wie selbstreferenziell das politische System hier agiert. Niklas Luhmann hätte seine Freude daran, die Krankenhauspatienten in Deutschland wohl kaum. In der kurzen, öffentlichen Aufgeregtheit hat eine interessante These von Geraedts keine Rolle gespielt, sie sei deshalb hier hervorgehoben: „Die Chancen für die Gesundheit der Krankenhauspatienten, die in einer durchgängigen Fehlervermeidung liegen, übersteigen bei weitem die zusätzlichen Chancen vieler neuer Therapieverfahren“ (S. 10f). Diese Auffassung hat eine breitere Resonanz und eine vertiefte Debatte verdient. Setzen wir die finanziellen und menschlichen Ressourcen richtig ein? Nein sagt hier eine relevante Stimme und die Entscheider nehmen es nicht einmal zur Kenntnis. Mehr als schade, weil eine notwendige Debatte nicht geführt wird, notwendig für das Gesundheitswesen und als gesellschaftliche Debatte über Eliteversagen. Zugespitzt bedeutet die These von Geraedts doch, dass das Gesundheitssystem Geld verschwendet, indem es sich für neue Therapieverfahren feiern lässt statt in die vorhandene Infrastruktur zu investieren.

Offenkundig ist doch die Parallele zum Verfall der Verkehrsinfrastruktur, den die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung initiiert hat: Für Politiker ist es attraktiver neue Straßen zu eröffnen als in die notwendige Sanierung der vorhandenen zu investieren. Die Zeitung stellt hier die Machtfrage, die man ohne Abstriche auch auf die Frage Investitionen in Fehlervermeidung vs. Investitionen in neue Therapieverfahren übertragen kann: „Die Sanierung von Straßen, Schienen und Brücken werde in Deutschland nicht nach Notwendigkeit entschieden, sondern nach „Machtkriterien“. Im Bundeshaushalt stünden zwar umfangreiche Mittel für Straßen-Sanierungen, sagte Hofreiter der F.A.S.. Aber am Ende werde das meiste davon von den Ländern in neue Straßen gesteckt. Hofreiter sagte der F.A.S. weiter: „Sanierung macht Politikern nur Ärger. Aber Neubau ist schön“[i][2]

Investitionen in neue Therapien statt in Fehlervermeidung im Gesundheitswesen bzw. in neue Straßen statt in Sanierung der vorhandenen Straßen: Läuft in Deutschland etwas grundsätzlich falsch? Ist die Eitelkeit und die Profilierungschance für Entscheidungsträger – Chefärzte bzw. Kliniken hier bzw. Politiker dort – relevanter bei Entscheidungsfindungen über die Verwendung von Geldern der Bürger als der Nutzen der Menschen? Eine notwendige Debatte. Den Anstoß hat der Krankenhaus-Report gegeben.

Die ersten rund 200 von gut 500 Seiten des Krankenhaus-Reports sind dem Schwerpunkt Patientensicherheit gewidmet. Erfreulicher Weise geht es hier um mehr als Behandlungsfehler. Vom Wasem-Lehrstuhl für Medizinmanagement stammt der Beitrag zu den Auswirkungen des Vergütungssystmes, der für Pay-for-Performance Elemente sowie die bessere Berücksichtigung des Überleitungsmanagements in der Vergütung ambulanter ärztlicher Leistungen plädiert (S. 21). Wenig überraschend ist es, dass der von zwei Autorinnen der Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. verantwortete Analyse des Patientenrechtegesetzes aus der Perspektive von Verbraucherschutz und Patientenvertretung zum Ergebnis kommt, dass das Beste am Patientenrechtegesetz ist, dass er revidiert werden kann (S. 25). Der befremdlichste Beitrag des Sammelbandes beschäftigt sich mit der Haftung für Fehler im Krankenhaus. Wie man dem Mitarbeiter „eines der größten Versicherungsmakler in Deutschland“[3] dieses Thema anvertrauen kann, der im Interesse seines Arbeitgebers hinterfragen darf, ob „mittelfristig ausreichende Versicherungskapazitäten für die Krankenhäuser zur Verfügung stehen“ (S. 39), bleibt das Geheimnis der Herausgeber.

Die Wechselwirkungen zwischen der „Kultur“ in Organisationen mit den Berichts- und Lernsystemen zur Fehlervermeidung heben Günter Jonitz und Barbara Hoffmann von der Ärztekammer Berlin hervor und vier Autoren vom Kölner Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft referieren anschließend aus einer deutschlandweiten Befragung, die einen positiven Zusammenhang zwischen dem wahrgenommenen Sozialkapital und der allgemeinen Einschätzung der Relevanz von Patientensicherheit bei den befragten ärztlichen Direktoren ergab.

Weitere Beiträge dieses Kapitels beschäftigen sich mit dem Fehlermanagement durch Notfallsimulationstraining für geburtshilfliche Teams, dem Zusammenhang von Mindestpersonalregelungen und Patientensicherheit sowie den Problemen von Krankenhaushygiene und Infektionsvermeidung. Klaus Döbler vom Kompetenz-Centrum Qualitätssicherung/Qualitätsmanagement und Mechthild Schmedders vom GKV-Spitzenverband plädieren dann in ihrem Beitrag zu Patientensicherheit und Innovation dafür, dass innovative Verfahren im Rahmen kontrollierter Studien in Zentren mit besonderer Expertise eingeführt werden sollen und zwei Autoren vom AOK-Bundesverband setzen sich in ihren Ausführungen über Regresse von Medizinproduktschäden dafür ein, den Kranken- und Pflegekassen eine wichtige unterstützende Funktion bei der Durchsetzung der Ansprüche von geschädigten Patienten zu geben. Petra Thürmann vom Lehrstuhl für Klinische Pharmakologie in Witten/Herdecke beschäftigt sich mit Lösungsansätzen dafür, dass rund fünf bis 15 Prozent aller stationär behandelten Patienten ein unerwünschtes Ereignis im Zusammenhang mit der medikamentösen Therapie haben und sieht wichtige Ansätze zur Fehlervermeidung im Einsatz elektronischer Unterstützungssysteme und der Berücksichtigung von Indikatoren der Arzneimittelsicherheit bei Qualitätsmessungen.

Zwei Autoren vom AQUA-Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen erläutern in ihrem Beitrag zu Qualitätsindikatoren der externen stationären Qualitätssicherung zur Patientensicherheit an zwei Beispielen, wie über einen strukturierten Dialog oder andere Interventionsformen die Patientensicherheit verbessert werden kann. Abschließend belegen zwei Mitarbeiter vom BQS-Institut für Qualität und Patientensicherheit in ihrem Aufsatz an zwei Beispielen, wie Versorgungsregister einen Beitrag zur Kosten-Nutzen Bewertung von Behandlungsverfahren und als Frühwarnsystem bei der Einführung einer medizinischen Innovation leisten können.

„Zur Diskussion“ sind die beiden Aufsätze im zweiten Teil des Reports überschrieben. Hier beschäftigen sich zunächst Boris Augurzky vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung und Andreas Beivers von der Münchner Hochschule Fresenius mit den Effekten der Krankenhausprivatisierung in Deutschland und kommen zu einem positiven Ergebnis, indem sie auf den relevanten Anteil von Einrichtungen und Fachabteilungen für die Grund- und Notfall- sowie für die Versorgung ländlicher Regionen hinweisen. Im zweiten Diskussionsbeitrag beschäftigen sich zwei Autoren vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WidO) mit dem Zusammenhang von erbrachter Leistungsmenge und Outcome-Qualität in der Hüftendoprothetik. Sie weisen auf Grund der Studienlage eine messbar bessere Qualität bei hohen Operationszahlen nach. Keine Antwort liefert der Aufsatz aber auf die Frage, ob alle erbrachten Operationen medizinisch indiziert waren und wie bei medizinisch zweifelhafter Mengenausweitung die Qualitätsfrage zu beurteilen ist.

Gut 150 Seiten umfassen die drei letzten Teile des Reports, in denen in der krankenhauspolitischen Chronik die wichtigsten Ereignisse zwischen Juli 2012 und der Jahresmitte 2013 dokumentiert sind. Anschließend werden in fünf Beiträgen die Daten des Statistischen Bundesamtes der Jahre 2011 und 2012 ausgewertet und analysiert. Torsten Schelhase vom Statistischen Bundesamt plädiert hier dafür, die traditionelle Diagnosestatistik durch die DRG-Statistik zu ersetzen, indem letztere um Merkmale der Diagnosestatistik erweitert wird und damit auch für Qualitätssicherungsmaßnahmen genutzt werden kann (S. 356). Schließlich liefert das Krankenhaus-Directory für knapp 1.500 Krankenhäuser Angaben zu deren Grundcharakteristika, Leistungsmengen und ihrer Marktposition.

Uwe Deh, Vorstand im AOK-Bundesverband, hat auf der Pressekonferenz zur Vorstellung des Reports ausgeführt, dass die Krankenhauslandschaft vom Kopf auf die Füße gestellt werden müsse und eine Raumplanung für die Gesundheit als ersten Schritt gefordert. Er hat damit die Hürden für das, was der Krankenhausreport leisten soll, sehr hoch, zu hoch gehängt. Allerdings verdient es Respekt, wie die 45 Autoren des Reports relevante Pflöcke für die politischen Diskussionen der laufenden Legislaturperiode einschlagen und versuchen, eine emotionale Debatte zu versachlichen.

[1] Pressemitteilung der Deutschen Krankenhausgesellschaft vom 24. Januar 2014: DKG zu fragwürdigen Zahlen des AOK-Krankenhausreport 2014: Krankenhäuser erwarten Entschuldigung der AOK; http://www.dkgev.de/dkg.php/cat/38/aid/11413
Henrich, Anke: Sind Deutschlands Krankenhäuser schuld an 19.000 Toten?, in: Wirtschaftswoche online vom 27. 1. 2014
Schmidt, Lucia: Das vermeidbare Unglück, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 26. 1. 2014, S. 54
Schrappe, Matthias: Der Streit um die Toten, in: Süddeutsche Zeitung vom 4. 1. 2014, S. 16
Teevs, Christian: Kliniklobby zerpflückt Todesfälle-Report der AOK, Spiegel online vom 24. 1. 2014
[2] Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26. 4. 2014 http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/gruene-mauschelei-verhindert-strassensanierung-12911409.html
[3] Selbsteinschätzung der Ecclesia Gruppe, zu der der Ecclesia Versicherungsdienst GmbH gehört, für die der Autor des Beitrags, Johannes Jaklin nach Angaben im Autorenverzeichnis (S. 489) arbeitet.
http://www.ecclesia-gruppe.de

von Dr. Andreas Meusch


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